Vero is dead, long live Vero

Die Aufregung ist groß, wenn ein neues soziales Netzwerk scheinbar aus dem Nichts den Status Quo der großen Netzwerke in Frage stellt. Und im Internet tauchen hoffnungsvolle Fragen auf: Gibt es endlich eine Alternative zum datenhungrigen Monster Facebook? Sind wir nun endlich nicht mehr dem willkürlichen Algorithmus von Instagram ausgesetzt? Wie Vero funktioniert und was hinter dem aktuellen Hype steckt, beschäftigt uns als Digitale Marketing Agentur natürlich auch. Deshalb haben wir unseren bisherigen Gedanken dazu hier zusammengefasst.

 
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Vero als Plattform

Vero’s Manifest verspricht uns Nutzern alles, was uns bei anderen Plattformen fehlt: Werbefreiheit, kein Algorithmus und deswegen auch keine Sammlung von persönlich Daten. Nutzer können vierstufig steuern, wer welchen Post sieht (von meinen besten Freunden bis zu allen Leuten, die mir folgen) und sowieso kann man hier alles posten, von Links über Bilder bis zu Filmen und Musik. Eine erstaunliche Ausnahme davon sind reine Textpostings, die nicht möglich sind. Twitter kann also aufatmen.
Der eine oder andere mag sich auch stark an WeChat erinnert fühlen: Über Vero sollen Firmen direkt physische und kulturelle Güter verkaufen können.

Das Design der App ist dunkel und ruhig gehalten, allerdings ist die Bedienung wenig intuitiv. Als es mit dem Hype losging, war die App technisch stark eingeschränkt und größtenteils nicht funktionsfähig. Die Server waren ständig überlastet, es gab Probleme mit der Registrierung, und wenn man es dann doch geschafft hatte, Teil der ersten Million Nutzer zu sein (lebenslang kostenloses Vero!), konnte man die App praktisch nicht verwenden.

Aber ist das nur ein weiterer Fall von einem Start-Up-Unternehmen, das völlig von seinem eigenen Erfolg überrascht wurde? Nicht ganz, denn einiges deutet darauf hin, dass es sich bei dem Hype um Vero nicht um ein organisch-gewachsenes Phänomen handelt.

Woher kommt der Hype?

Gegründet wurde Vero u.a. von Ayman Hariri, Sohn des ehemaligen libanesischen Ministerpräsidenten Rafiq al-Hariri und Milliarden Erbe, schon 2015. Warum ist Vero dann immer noch im Beta-Stadium und viel wichtiger: Warum ist die App erst jetzt, Anfang 2018, in aller Munde?

Es begann damit, dass extrem viele Instagrammer - trotz deren sehr erfolgreichen Präsenzen auf Instagram - am gleichen Tag die neue App in ihren Insta Stories anpriesen. Daraufhin entwickelte sich ein Schneeballeffekt, so dass innerhalb von 24 Stunden kein aktiver Instagram-Nutzer an Vero vorbeikam. Der Hype war da und Nachrichtenagenturen sorgten für die weitere Verbreitung. Aber dann kam im Netz Misstrauen auf: Warum sollten all diese Instagrammer eine andere App promoten, wenn sie das normalerweise nie tun?

Eine sehr klug gemachte Influencer-Kampagne, keine Frage! Wahrscheinlich ist den Gründern in der langen Phase nach dem ersten Launch der App der Geduldsfaden geplatzt. Eine Lösung muss her, damit die App nicht auf dem Friedhof landet. Und was braucht ein soziales Netzwerk, um erfolgreich zu sein? Richtig, jede Menge Menschen, die diese Plattform aktiv nutzen. Mithilfe der Influencer-Kampagne wurde eben dieses Erreichen der kritischen Masse simuliert und gleichzeitig der Anschein erweckt, dass jetzt alle auf der neuen Plattform sind. Dazu kommt noch ein geschickt eingesetzter, künstlicher Verknappungsmoment: Alle Nutzer, die sich anmelden, bevor die App eine Million Nutzer zählt, dürfen Vero ein Leben lang kostenlos nutzen.  Einsehen, ob man zu den Glücklichen zählte, konnte man allerdings nicht. Die Macher halten sich sehr bedeckt, was die Zahl der registrierten Nutzer angeht. Aber vielleicht ist das auch gar nicht so wichtig, denn ob Vero sich durchsetzen kann, ist unsicher.

Vero: Gekommen um zu bleiben?

Grund für den Hype mag zwar das an den richtigen Stellen eingesetzte Geld sein, der gewünschte Effekt ist trotzdem erreicht. Vero steht aktuell auf Platz Eins der kostenlosen Apps im iOS AppStore (Stand: 1.3.18), obwohl sie vor einer Woche noch nicht einmal unter den beliebtesten 1.500 Apps zu finden war (Quelle: Mashable).

Ob Vero so erfolgreich bleibt, hängt von diversen Faktoren ab. Entscheidend ist, ob die Macher der App die erreichte Masse an Nutzern auf der Plattform halten können. Dafür muss die Aktivität in der App entsprechend hoch bleiben, neue Nutzer müssen immer weiter dazu stoßen und große Namen z.B. Firmen und Berühmtheiten, müssen sich ebenfalls der Plattform anschließen. Die jährliche Gebühr, die die Mitglieder zahlen müssen, ist hierbei der erste Stolperstein. Zum ersten Mal verspricht ein soziales Netzwerk durch Nutzerbeiträge werbefrei zu bleiben. Fraglich ist, ob genügend Nutzer dazu bereit sind, oder ob sie doch bei den altbewährten Plattformen bleiben.

Denn die Nutzer wollen natürlich auch unterhalten werden, und hier entsteht das zweite Problem für die Macher, die ja eigentlich versprochen haben, keine Daten zu sammeln und keinen Algorithmus über die Reihenfolge der Posts richten zu lassen. Allerdings setzen Facebook und Co. solche Algorithmen nicht grundlos ein: Nutzer werden sonst zugespammt von dem, der am häufigsten posted. Unabhängig von der Qualität und der Relevanz des Posts für den jeweiligen Nutzer. Natürlich lassen die Algorithmen und der Umgang mit ihnen deutlich zu wünschen übrig, aber grade auf einer inhaltsorientierten Plattform führt kein Weg an diesem technischen Kurator vorbei. Und auch einfache Features wie eine Trending-Seite basiert auf einfachen Algorithmen, die auch Daten sammeln.

Vero wird meiner Meinung nach bleiben, aber vielleicht nicht so, wie sich die Gründer das wünschen. Allein die technischen Probleme, als der Hype ausbrach, haben viele verschreckt. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass die App eine Plattform für subkulturelle Gruppen bleibt (Cosplayers sind die aktivste Gruppe auf Vero und #cosplay einer der beliebtesten Hashtags auf der Plattform) und dann vielleicht irgendwann aufgekauft oder - à la Instagram & Snapchat - kopiert wird. Oder die App wird, wie google+, irgendwann in Vergessenheit geraten. Aber wer weiß, vielleicht ziehen Vero’s Schöpfer ja noch einen Trick aus ihrer Marketingkiste…

Rebekka Emrich